Warum ist Bön im Westen so wenig bekannt?
In den siebziger Jahren hat der tibetische Buddhismus im Westen Fuss gefasst. Begabte und unermüdliche buddhistische Meister kamen in die westlichen Länder um zu lehren und gründeten Dharma Zentren. Von diesen Zentren hat sich der Buddhismus im Westen weiter verbreitet. Warum blieb aber Bön neben den vier anderen buddhistischen Schulen (Nyingmapa, Kagyupa, Sakyapa und Gelugpa) bis vor kurzem relativ unbekannt?
Die Bönpos bilden eine Minderheit
Ein Grund für diesen Zustand ist sicher, dass die Bönpos, wie die Bön-Anhänger/innen genannt werden, eine Minderheit im Exil bilden. Sie arbeiten unter schwierigen Bedingungen, um ihr gefährdetes, kulturelles Erbe zu bewahren.
Bön und Buddhismus
Ein zweiter Faktor ist die fast ausschliessliche Identifikation Tibets mit dem aus Indien stammenden Buddhismus. Für Leute aus dem Westen ist es vorstellbar, dass es im alten Tibet, eine schamanistisch-animistische Religion namens Bön gab. Eher überraschend ist es für sie, wenn sie hören, dass lange vor dem Auftreten des eigentlichen Buddhismus im Tibet im 7. Jahrhundert, ein Buddha oder "Erwachter" namens Tönpa Shenrab Miwoche in Zentralasien gelebt und gelehrt hätte. Nach der Bön-Überlieferung kam das Yungdrung oder "Ewige" Bön als eine voll ausgeprägte Form des "Buddhismus" von Zentralasien über das Königreich Zhang Zhung nach Tibet. Nach der Theorie buddhistisch-geistlicher Geschichtsschreiber lassen sich aber die Ähnlichkeiten zwischen Bön und Buddhismus eher daran erklären, dass die Bönpos lediglich den Buddhismus in späteren Jahrhunderten imitiert hätten.
Offene Fragen
Es gibt ganz verschiedene Ansichten über die historischen Wurzeln und Geschichte der Bön Tradition. Das Thema wird heute weltweit in akademischen Kreisen geforscht und studiert und zeigt immer deutlicher in Richtung einer Verschmelzung zweier Religionen und Kulturen in Tibet. Die Entdeckungsreisen, Filme, Bücher und Dia-Vorträge von Bruno Baumann, einem österreichischen Abenteurer und Asien-Experten, haben in letzter Zeit das Interesse eines breiteren Publikums für die Hochkultur des Zhang Zhung Königreichs geweckt, die viele für die eigentliche Wiege der tibetischen Kultur halten.