Der Garuda
Der oben abgebildete Garuda ist ein dunkelroter Garuda, der alle störende Nagas überwindet.
Der Garuda ist in der Bön Tradition ein mächtiges Vogelwesen. Das legendäre Königreich Zhang Zhung hat in seinem Namen bereits das Wort „Zhung“ – Garuda – im tibetischen „khyung“ (gesprochen Tschung). Es wird angenommen, dass die Könige von Zhang Zhung einem der fünf Klans angehörten, von denen alle Tibeter/innen abstammen, nämlich dem Klan der Khyung, der Garudas. Bis auf dem heutigen Tag gibt es in der Nähe des Berges Kailash einen Ort, der „Khyunglung“ heisst, also „Garuda-Tal“. Dort lag die einstige Hauptstadt des Königreichs Zhang Zhung.
Den wenigen Quellen kann entnommen werden, dass der mythische Vogel Garuda die Energie des Feuers symbolisiert, des aktivsten aller fünf Elemente. Seine flammenden Flügel sind weit ausgebreitet. Die geschwungenen Hörnern auf dem Kopf, manchmal mit den Symbolen von Sonne und Mond dazwischen, manchmal mit einem grossen Juwel auf der Stirn, unterscheiden ihn von jedem gewöhnlichen Vogel. Ein anderes Erkennungsmerkmal sind die Arme, denn der Garuda hat nicht nur mächtige Schwingen, sondern auch ein Paar Menschenarme mit Händen, die in der Regel eine Schlange halten, die der Garuda meist auch noch mit dem grossen, gebogenen Schnabel festhält.
Der grosse Feuervogel gilt als Unterwerfer der Schlangenkraft: Garuda ist der „Bezwinger der Nagas“, jener Schlangenwesen aus einem unterirdischen Wasserwelt, die, sind sie verärgert, in Tibet als Verursacher verschiedenster Kalamitäten, etwa von Hagelstürmen, aber auch von Hautkrankheiten gelten.
Je nach Form und Kontext haben die Darstellungen von Garuda verschiedene Bedeutung: er kann den vollkommen erwachten Buddhageist Shenrab Miwoche repräsentieren oder auch die fünf Gifte, die schliesslich unsere Weisheit in verdeckter Form sind, und die es zu umwandeln gilt. Der grimmige rote Weisheits-Garuda (khyung mar) ist eine Bezeichnung für den machtvollen, Hindernisse bannende Aspekt des vollkommen erleuchteten Geistes eines Praktizierenden/einer Praktizierende.
In manchen Geschichten der Bön Tradition tritt Garuda als ein mythischer Vogel aus dem Götter- oder Tierbereich in Erscheinung, und ist dabei dem Garuda der Hindu-Mythologie ähnlich.
(Zusammenfassung aus dem Buch Der heilende Garuda - ein Stück Bön Tradition von Lopön Tenzin Namdak Rinpoche und Karin Gungal. Garuda Verlag, Schweiz. 1998.)